Die ISO 7010 stellt durchaus einige Sicherheitszeichen zur Verfügung. Je nach Einsatz sind diese jedoch häufig entweder zu allgemein, zu speziell oder für den konkreten Fall nicht vorhanden. Um den Anwender möglichst präzise zu warnen, müssen also Sicherheitszeichen auf Grundlage der ISO 3864 selbst erstellt werden. Klarheit, ob diese Sicherheitszeichen ausreichend genau erkannt werden, gibt die ISO 9186 mit Prüfmethoden für die Verständlichkeit, der visuellen Qualität und Assoziation mit dem Symbolgegenstand.

Auch für alle andere Anwendungsfälle, bei denen Informationen symbolisch dargestellt werden sollen, ist die Normenreihe der ISO 9186 entwickelt worden und tatsächlich anwendbar. Die drei Teile der ISO 9186 richten sich zunächst über weite Teile an die Normenorganisationen selbst, indem die Verfahren beschrieben werden, wie zur Normung vorgeschlagene Symbole den Komitees der ISO oder der Nationalen Normenorganisationen eingereicht werden. Der Teil der Verfahren, der sich explizit mit dem Symboltest beschäftigt, lässt sich jedoch ohne weiteres auf eine Anwendung im industriellen Umfeld anwenden.

Prüfmethoden

Die Beurteilung der Erkennbarkeit von graphischen Symbolen ist eine komplexe Aufgabe. Sie wird von verschiedensten Faktoren und Bedingungen (ISO 3864-1 Anhang A) beeinflusst:

  • Größe der einzelnen Symbol-Elemente im Verhältnis zur geometrischen Form des Symbols;
  • Beleuchtung des Sicherheitszeichens von außen bzw. Durchleuchtung und verwendete Materialien;
  • Kontrast zwischen Symbol und Hintergrund;
  • Betrachtungswinkel;
  • Sehschärfe der Betrachter;
  • Vertrautheit mit dem dargestellten Objekt oder der Form.
  • Vor der Prüfung von Symbolen steht natürlich die Erstellung nach standardisierten Gestaltungsrichtlinien.

Die folgende Übersicht gibt die normativen Grundlagen zu Gestaltung und Prüfmethoden:

ISO 9186-1, wichtige Punkte …

„Graphische Symbole - Prüfmethoden -
Teil 1: Tests zur Ermittlung der Verständlichkeit“

  • Es sollen immer vergleichende Tests von bis zu 3 Symbolvarianten durchgeführt werden.
  • Befragte sollen mit Kenntnis des Kontextes auf die Fragen antworten:
    „Was bedeutet dieses Symbol?“
    „Welche Handlung soll das Symbol auslösen?“
  • Präsentation der Symbole auf Papier oder am Bildschirm in sw, in der Größe 28 x 28 mm,
    bei Sicherheitssymbolen mit Grundsymbol und Erklärung der Grundsymbole.
  • 50 Befragte aus der Zielgruppe (mit dem Kontext vertraut) je Symbolvariante in jedem Testland
  • Eine Selbstauskunft der Befragten unterstützt bei der Bewertung der Ergebnisse.
  • Das Symbol, das am häufigsten richtig erkannt wurde, ist das meist verständliche Symbol.
  • Eine Mindestanzahl für korrekte Antworten nennt die Norm nicht, aber die ISO (ISO/TC 145) nennt Mindestanforderungen für zur Normung vorgeschlagene Symbole (siehe Schema)
  • Ist ein Symbol nicht ausreichend verständlich, wird ein zusätzlicher Text empfohlen.

ISO 9186-2, wichtige Punkte …

„Graphische Symbole - Prüfmethoden -
Teil 2: Ermittlung der visuellen Qualität“

  • Der Test sollte angewendet werden, wenn der Verständlichkeitstest (ISO 9186-1) Schwierigkeiten bei der Erkennung des Symbols gezeigt hat.
  • Test der Erkennbarkeit der Elemente eines Symbols unter der Realität nachempfundenen aber standardisierten Betrachtungsbedingungen:
    Betrachtungsabstand 2 ± 0,04 m
    Blick senkrecht 90 ± 10° auf die Präsentationsfläche
    Beleuchtung zwischen 95 lux und 105 lux
  • Befragte sollen ohne Kenntnis des Kontextes alle Elemente des Symbols beschreiben, d.h. nicht die Bedeutung des Symbols nennen (Bezeichnungsaufgabe).
  • Je Symbolgröße 25 Befragte, mit max. 15 Symbolen in einer Größe.
  • Mindestens zwei Symbolgrößen werden getestet, immer 80 x 80 mm (min. Erkennungsrate ca. 90%) und eine weitere, Sicherheitszeichen immer auch in der Größe 50 x 50 mm
  • Eine Selbstauskunft der Befragten unterstützt bei der Bewertung der Ergebnisse.
  • Korrekt erkannt ist, wenn eine Form z.B. als „Kreis“ oder der Gegenstand „Rad“ korrekt erkannt wurde. Je Symbolgröße wird eine Prozentzahl der korrekten Identifikationen ermittelt. Eine Mindestanzahl für korrekte Antworten nennt die Norm nur indirekt, auch die ISO (ISO/TC 145) nennt keine Mindestanforderungen (siehe Schema).

ISO 9186-3, wichtige Punkte …

„Graphische Symbole - Prüfmethoden - Teil 3:
Tests zur Ermittlung der Assoziation mit der Bedeutung des graphischen Symbols“

  • Test, ob Symbol und Bedeutung korrekt in Verbindung gebracht werden können, wenn die Befragten zuvor damit vertraut gemacht wurden.
  • Besonders geeignet, wenn Symbole ohne Zusatztext für Fachpersonal getestet werden sollen.
  • Der Verständlichkeitstest (ISO 9186-1) kann trotz geeignet ausgewählter Befragter (Zielgruppe) bei Symbolen mit hohem fachlichen Bezug zu oft die Antwort „weiß nicht“ ergeben, da die Befragten trotz fachlichem Bezug unkundig mit den Bedeutungen der Symbole sind.
    Der Symbolassoziationstest (ISO 9186-3) macht deshalb in einem ersten Schritt die Befragten mit den Bedeutungen der Symbole bekannt.
  • Im Symbolassoziationstest sollen Befragte ein Symbol mit der korrekten Bedeutung aus einer Liste in Verbindung bringen.
  • Min. 25 Befragte, die Erfolgreich das Vertrautmachen (Familiarity training) durchlaufen haben.
  • Symbole in sw, außer, wenn Farbe zum Informationstransport notwendig ist
  • Eine Selbstauskunft der Befragten unterstützt bei der Bewertung der Ergebnisse.
  • Der Test liefert eine Prozentzahl der korrekten Identifikationen. Eine Mindestanzahl für korrekte Antworten nennt weder die Norm noch die ISO (ISO/TC 145).

Fazit

Offen lassen im Prinzip alle Teile der ISO 9186 mit welchen Ergebnissen ein Symbol als ausreichend verständlich betrachtet werden kann. Das ISO Technical Committee 145 nennt zwar Mindestanforderungen (siehe Abb. 1), scheint diese aber kaum zu beachten, wie man an den „Zusätzlichen Informationen“ zu jedem Sicherheitszeichen in ISO 7010 sehen kann:

  • ISO 7010-W027 „Warnung vor optischer Strahlung“
    „Testergebnisse nach ISO 9186-1 liegen nur von einem Land vor. Diese nationalen Testergebnisse zeigen, dass das Sicherheitszeichen nicht alle Erkennbarkeits-Kriterien ausreichend erfüllt. …“
  • ISO 7010-W028 „Warnung vor brandfördernden Stoffen“
    „Testergebnisse nach ISO 9186-1 liegen nur von einem Land vor. Diese nationalen Testergebnisse zeigen, dass das Sicherheitszeichen alle Erkennbarkeits-Kriterien ausreichend erfüllt. …“
  • ISO 7010-M020 „Rückhaltesystem benutzen“
    Testergebnisse nach ISO 9186-1 liegen nicht vor. …“

Von den 108 Sicherheitszeichen der ISO 7010:2016-10 erfüllen lediglich 9 „alle Erkennbarkeits-Kriterien“, 17 erfüllen „nicht alle Erkennbarkeits-Kriterien “ und für 82 liegen keine Testergebnisse vor. Nicht anders ist der Stand in den zwischen 2010 und 2015 veröffentlichen Änderungen (A1 … A5) mit weiteren Sicherheitszeichen.

Blinde Normenanwendung relativiert sich mit dieser Kenntnis ganz offensichtlich und verdeutlicht, dass Normenanwendung nicht von Sachkenntnis befreit. Dennoch ist man, fast ironischerweise, mit der Anwendung der Sicherheitszeichen aus der ISO 7010 auf einem guten Weg, denn der breite Einsatz erhöht kontinuierlich die Erkennungsrate durch Vertrautheit. Sollten mit den Sicherheitszeichen 6 Jahre nach der Veröffentlichung der ISO 7010 Verständlichkeitstest nach ISO 9186-1 durchgeführt werden, könnten akzeptable Erkennungsraten angenommen werden.